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Esel trägt Jesus als Egli Figuren

Gedanken zum Karfreitag


Ich habe IHN getragen

Tausende Menschen strömen an mir vorbei. Zwei Männer bleiben stehen. „Das muss er sein“, sagt einer, „den muss der Meister gemeint haben.“ Sie binden mich los. Einige Umstehende haben Einwände, aber der Mann, der mich losgebunden hat, sagt: „Der Herr bedarf seiner.“ Komisch, aber sie lassen uns plötzlich ziehen. Dann stehen wir vor dem Meister, den die Männer auch Jesus nennen. Er sieht mich freundlich an, mich sieht er an! Dann wendet er sich den Männern zu: „Hat der Esel auch einen Namen?“, fragt er. Ich wundere mich, danach hat noch nie jemand gefragt. Die Männer schütteln den Kopf. „Nun denn, ich nenne dich Molus“, sagt Jesus und steigt auf meinen Rücken. Dann folgt ein unglaublich triumphaler Einzug nach Jerusalem. Ich trage Jesus. Die Menschen sind aus dem Häuschen. „Hosianna, Hosianna“, schreien sie immer wieder. Sie haben Palmen in den Händen und jubeln ihm zu wie sie es bei Königen tun. Mehr habe ich nicht mitbekommen, ich werde zu meinem Herrn, einem römischen Hauptmann zurückgebracht.

Nur wenige Tage später nimmt mich der Bursche meines Herrn wieder mit nach Jerusalem. Wieder so ein Spektakel! Aber es klingt ganz anders. Unheil liegt in der Luft. Plötzlich sehe ich diesen Jesus. Er steht dort vor dem römischen Statthalter. Seine Hände sind gebunden. Kein Triumphator mehr, aber dennoch strahlt er eine unantastbare königliche Würde aus. Wie kann das gehen? Später sehe ich ihn wieder. Er trägt eine Krone aus Dornen, das Blut läuft ihm übers Gesicht. Die Menschen, ich erkenne einige Hosianna Rufer wieder, schreien heute: „Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!“ Ich werde fortgeführt, mein Mitleid mit Jesus ist groß. Ich verstehe den Wandel der Stimmung vom Jubel zur greifbaren Boshaftigkeit nicht. Die Menge zieht nach Golgatha, zum Berg hinauf. Jesus ist vorne, ich sehe ihn wieder. Man hat ihm sein eigenes Kreuz auf die Schultern geladen. Meine Last heute ist dagegen leicht. Ich trage einen Krug mit Wasser, einen Krug mit Essig und einen mit Wein. Das Gejohle und Getöse um mich herum ist unglaublich laut. Plötzlich wird es still. Jesus stoppt. Eine Frau am Wegrand sieht ihn an, sie und andere Frauen weinen. Wahrscheinlich ist eine von ihnen seine Mutter, denke ich. Schon wird Jesus weitergeschubst. Er stürzt, er wird es nicht schaffen, denke ich. Plötzlich hilft ihm jemand, das Kreuz zu tragen. Tut er es aus Mitleid oder wird er gezwungen? Ich weiß es nicht. Jesus wird angetrieben, verhöhnt und verspottet. Aber halt, wieder hat jemand Mitleid, wieder eine Frau. Sie reicht ihm ein Tuch, mit dem sich Jesus Tränen, Schweiß und Blut abwischen kann. Welch eine kleine Wohltat, vor allem die Zuwendung! Es geht weiter bis zum Berg, dort wird die Kreuzigung stattfinden, das habe sogar ich begriffen. Warum hilft denn niemand? Wo sind sie, die Gefährten, die Geheilten, die Getrösteten? Nur zwei Menschen, ein Mann und eine Frau bleiben bei Jesus, die ganze Zeit. Sie stehen auch unter dem Kreuz. Sie halten das Leiden mit aus.

„Mich dürstet“, ruft Jesus. Jemand kommt zu mir, nimmt den Krug mit Wein oder Wasser, oh nein, nimmt den Krug mit Essig, beträufelt einen Schwamm, zieht ihn auf einen Stecken und reicht ihn Jesus. Ich stoße einen lauten Klageruf aus, es ist nicht zum Aushalten, ich schreie noch einmal. Da wendet sich Jesus mir zu, sieht mich an, und ich weiß, er meint mit seiner Erlösungstat nicht nur die Menschen, sie schließt alle Kreaturen mit ein. Da ist etwas Größeres im Spiel, ich werde es wohl nicht begreifen.

Wieder ein Ruf, diesmal von Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wie schrecklich! Dann aber: „Es ist vollbracht!“ Das verstehe ich wieder. Dieser Jesus hat das Leid der Welt, die Ungerechtigkeiten, den Verrat und die Schmerzen geteilt, sogar mit mir. Es ist vollbracht, tönt es in meinen langen Ohren nach, ja, es ist vollbracht!

Plötzlich wird es dunkel. Vom Tempel höre ich ein ungewohntes Geräusch. Es bleibt eine Weile finster. Ich höre meinen Hauptmann sagen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Ich glaube ihm.

 

Autorin: Christa Johanna Gundt
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