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Ein einsamer Weg durch die Karwoche und durch die Welt im Jahr 2020


Dem Zuschauer bot sich ein fast gespenstiges Bild bei der Übertragung des Gebetes und des päpstlichen Segens „Urbi et Orbi“, zu dem Papst Franziskus wegen der Corona-Pandemie am 27. März eingeladen hatte. Der Petersplatz, wo sonst die Menschen sich in Scharen versammeln, ist gähnend leer. Im strömenden Regen geht Papst Franziskus fast allein über den großen Platz zu dem Podest, auf dem die Segensfeier mit der Verkündigung des Evangeliums von der Angst der Jünger beim Sturm auf dem See beginnt.

Ein einsamer Weg steht am Anfang. Vielleicht kann der einsame und mühsame Weg ein Bild sein für die Einsamkeit, die so viele Menschen weltweit in diesen Wochen erleben. Viele dürfen ihre Wohnungen nur für die notwendigsten Besorgungen verlassen. Die Menschen in den Altenheimen und Krankenhäusern bekommen keinen Besuch. Aber auch viele alte Menschen sitzen allein in ihrer Wohnung. Andere erleben, wie eng eine Wohnung werden kann, wenn man nicht raus darf. Der Kontakt zur Außenwelt beschränkt sich auf Telefongespräche und Nachrichten, die übers Handy oder das Internet verschickt werden. So ist zumindest ein bisschen Kommunikation möglich.

In solch einem Umfeld gehen wir als Christen im Jahr 2020 in unseren Gedanken und Gebeten durch die Karwoche. Nach dem großen Jubel beim Einzug in Jerusalem ändert sich die Stimmung fast schlagartig. Es wird duster und immer einsamer um Jesus herum: Mit den Jüngern feiert er das Abendmahl in dem Wissen „Einer von euch wird mich verraten!“  Und einer glaubt, dass er es nicht nötig hat, sich von Jesus die Füße waschen zu lassen und spricht sogar mit großer Überzeugung davon, dass selbst dann, wenn alle an Jesus irre werden, ihm das niemals passieren werde. In das Pashamahl hinein spricht Jesus dann Worte beim Brechen des Brotes und beim Verteilen des Kelches, die die Jünger erst nach Ostern ganz langsam verstehen. „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ „Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“

Nach diesem Mahl geht es dann für Jesus weiter hinein in die Einsamkeit und die damit verbundene innere Not. Am Ölberg schlafen auch die engsten Freunde, während Jesus mit dem Willen des Vaters ringt. „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“

Als Jesus schließlich verhaftet wird, wird es nochmals dunkler und einsamer um ihn herum: Verhör und Verspottung, Geißelung und Dornenkrone. Ein heidnischer Richter, der spürt, dass Jesus unschuldig ist, will keinen Aufruhr im Volk und kein Anschwärzen beim Kaiser riskieren. So wäscht er sich die Hände in Unschuld und spricht das Todesurteil. Die meisten Jünger haben sich da schon selbst in Sicherheit gebracht und versteckt. Und der, der sonst so gern der Sprecher für alle war, schwört: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“

Einsam und geschwächt wird Jesus durch die Straßen von Jerusalem getrieben und gezerrt. Nur noch wenige vertraute Gesichter tauchen am Rand seines Weges auf. Auf Golgotha ist er von zwei Verbrechern umgeben. Nur seine Mutter Maria, Johannes als Freund und ein paar treue Frauen sind noch dabei, als Jesus in die großen Klagegebete des Volkes Israel einstimmt und ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, bevor er das Haupt neigt und stirbt. „Es ist vollbracht.“

Diese Karwoche begehen wir als Christen im Jahr 2020 in einer Zeit, in der fast alle Räder in unserem Land stillstehen. Die Wochen wirken auf mich wie ein ganz langer Karfreitag. Die meisten von uns können die Verbindung zu dem, was Jesus im Namen Gottes und in seiner Liebe zu den Menschen damals getan und durchlitten hat, nur am Fernseher oder im Internet mitverfolgen. Einige nehmen vielleicht die Bibel zur Hand und stimmen sich innerlich in die Karwoche ein oder beten den Kreuzweg.

Denn die Botschaft, die wir im Jahr 2020 weltweit unter ganz besonderen Umständen begehen, trifft uns in einer Zeit, in der wir erleben, dass wir ratlos und ohnmächtig sind. Wir erleben Einsamkeit und die damit verbundene innere Not. Wir werden Zeugen vom Leiden und Sterben von so vielen Menschen, deren Särge wir in den Nachrichten sehen.

Mitten in dieser Welt bekennen und hoffen wir als Christen darauf, dass Gott uns nicht allein lässt, sondern dass er uns in dieser Zeit der Not durch seinen Sohn begleitet hat und auch heute begleitet. Bis in die Einsamkeit des Kreuzes ist unser Gott gegangen. Wenn wir zu Hause oder an einem Wegkreuz, von denen es so viele um uns herum gibt, oder auch vor dem Kreuz in der Kirche beten, dann tragen wir uns und auch die Not unserer Tage vor Christus in dem Glauben, dass er in dieser Not bei uns ist.

Wir tun es in der Hoffnung, die uns der Glaube schenkt und die wir am Karfreitag so besingen: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung!“

Auch wenn wir die Gottesdienste der Karwoche in diesem Jahr nicht öffentlich feiern dürfen, so laden wir Sie, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, doch dazu ein, den Weg dieser Woche bewusst mit Jesus zu gehen: im Lesen der Bibel, im Gebet vor einem Kreuz, im Singen der alten Passionslieder oder im betenden Gehen des Kreuzwegs.

Denn durch die Einsamkeit und durch den Tod hindurch will Gott auch uns mit seinem Sohn Jesus Christus zum Leben in Fülle führen.
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